»Korrekt heißt es mitternachtsblau«

Katarina Witt, Martin Suter und die Kinderhospizdienstleiterin der Caritas


Geht es noch immer um Augenhöhe zwischen Ost und West, um Gleichberechtigung?
»Ja. Ich habe es in der eigenen Familie selbst miterlebt. Als die Wende kam, waren meine Eltern in dem Alter, in dem ich heute bin. Dieser Generation, die damals zwischen 45 und 55 war, wo man in der Blüte des Lebens steht, ist vielfach gezeigt worden: Ihr seid es nicht wert, dass die Jobs erhalten bleiben. Ihr solltet dennoch froh sein, denn ihr habt ja nun Freiheit und Demokratie. Und seid gefälligst dankbar. Der Westen hat allein den Weg vorgegeben: Wir machen das jetzt, wie wir es für richtig halten. Heute gestehen viele ein, dass das ein Fehler war.«

Und das wirkt so lange nach?
»Ja, denn es traf eine Generation, die wirklich verankert war; unser Land, das waren ja fleißige Menschen, die in guten Berufen ihren Job gemacht haben. Sie hatten sich eingerichtet. Da kann man nicht einfach wie eine Dampfwalze kommen. Man hat sich oft auch nicht die Mühe gemacht zu schauen, warum die Menschen so sind, wie sie sind.«

Das hinterließ Verletzungen?
»Ja, und dann wurde den Ostdeutschen ja sogar unterstellt, sie seien faul. Wo hat man das hergenommen? Wir sind vielleicht keine geborenen Unternehmer, aber wir sind erfindungsreiche Macher. Wir haben gelernt, aus wenig oder aus nichts das Beste rauszuholen.«

[…]

Sie wünschen sich mehr Normalität im gegenseitigen Umgang?
»Ja. Ich finde es sehr wichtig, dass man drüber redet, dass man diskutiert, aber auch, dass man sich nicht die Köppe einrennt. Dass man sich nicht so festdiskutiert, dass jeder sich umdreht und sauer ist und eine verfahrene Situation entsteht. Denn es ist nichts verfahren. Man kann sich hinsetzen und sagen: Boah, was wir in den 30 Jahren geschafft haben! Und klar, es reicht nie aus. Das ist wie im Sport: Selbst wenn Du Olympiasiegerin bist, reicht es nicht aus. Denn im nächsten Jahr musst du dich wieder beweisen. Man kommt einfach nie an, ist nie fertig.«

Wenige Ostdeutsche haben Führungspositionen inne. Sind Sie für eine Ostquote?
»Quote hin oder her, ich bin erstmal für Chancengleichheit! Mir kann doch keiner erzählen, die Westdeutschen seien schlauer als die Ostdeutschen. Oder die Männer schlauer als die Frauen. Sicher, am Ende muss die Leistung entscheiden – aber man kann doch lernen. Ich lerne auch jeden Tag noch dazu. Fähige Menschen aus dem Osten gehören viel mehr in Führungspositionen. Denn dann reden wir wirklich von Chancengleichheit!«*


1.*
30 Jahre ist der Mauerfall her. Doch die Hits der 80er-Jahre kommen noch immer allesamt aus Westdeutschland. Und für Gleichberechtigung wird gekämpft, als hätte es sie nie gegeben. Doch ehemalige DDR-Bürger wissen: Gegen “Am Fenster” von City kann Heinz-Rudolf Kunze nicht anstinken. Und Frauen können mindestens so gute berufstätige Mütter sein wie Väter Hausmänner. Auch wenn das für einen Teil dieses Landes daher völlig klar ist: Gut, dass »unsere Kati« das trotzdem noch mal für alle anderen zusammenfasst. // »Wir Ostdeutschen werden einfach wegignoriert«

2. Diesen Sommer war es auch in der Schweiz irre heiß. Haben Sie trotzdem Anzüge getragen? »So ab 30 Grad erlaube ich mir Ausrutscher. Leichte Baumwollhosen und ein Hemd. Keine Jeans, die finde ich nicht altersgemäß. Ich habe mich sogar mit T-Shirt auf die Straße gewagt, ohne Jackett. Als wir früher auf Ibiza gelebt haben, kam es selbst vor, dass ich Bermudas angezogen habe. Schreiben Sie das bloß nicht!« Martin Suter bringt schön auf den Punkt: Mode ist nicht Trend, Mode ist Stil – und ja, den hat man oder eben nicht. Toleranz für die Stillosen hat der Schriftsteller trotzdem. // »Ich bedaure den Verlust der Tradition«

3. Sind die Kinder die Stärkeren? »Auf jeden Fall sind sie stärker, als wir denken. Sie intellektualisieren nicht alles und sind gefühlsmäßig näher bei sich.« Die Kinderhospizdienstleiterin der Caritas spricht über eine besonders tragische Form des Todes: wenn Kinder »lebensbegrenzend« erkranken. Doch dabei macht sie Mut, ohne zu beschönigen. Wenn die Heilung kein Ausweg mehr ist, braucht man einen neuen. // »Mitfühlen, aber nicht mitleiden«

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